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Es gibt Tage, an denen erscheint es mir unmöglich, dass man mich lieben kann. Es erscheint mir unmöglich, dass man mich geliebt hat und es erscheint mir unmöglich, dass man mich jemals lieben wird. An solchen Tagen würde ich gerne eintausend mal „Ich hasse mich!“ auf ein weißes Blattpapier schreiben, es in meine Haut ritzen, es von einem Berg schreien und dem Echo lauschen, bis mein persönlicher Schreckenschor wieder verstummt.
Ich will, dass er verstummt. Ich will, dass er still ist.

Als ich noch ein Kind war hatte ich große Verlustängste. Ich befürchtete, dass meine Mutter einmal weggehen und nicht wiederkommen würde, mich einfach zurücklassend. Vermutlich glaubte ich, ich sei es nicht Wert zurückzukommen. Damals war ich ein Raudi. Im Kindergarten gab´s ständig ärger und wenn ich bei unserer Tagesmutter unartig war, kam es vor, dass ich in meinem Zimmer eingeschlossen wurde. In solchen Momenten fühlte ich mich zurückgelassen, unerwünscht. Es machte mich noch wütender und nicht selten fasste ich den Entschluss auszuziehen, für den Fall, dass meine Eltern mich nicht mehr haben wollten. Ich nahm mein Köfferchen, packte es voll mit Socken und T-Shirts und marschierte, die Tür knallend, aus dem Haus. Wo ich denn hinwolle, wurde ich dann oft gefragt. Wissen tat ich das nie. Ich wollte nur weg. Vielleicht wollte ich ja auch nur vor mir selbst weglaufen, denn vor nichts hatte ich mehr Angst, als davor unerwünscht zu sein.

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Als ich aufs Gymnasium kam, lernte ich dieses Mädchen kennen. Wir wurden bald ziemlich gute Freundinnen. Aber sie war immer sehr eifersüchtig. Sobald jemand etwas hatte, was sie nicht hatte aber haben wollte, schaffte sie es, die Mitschüler gegen die Person aufzuhetzen. So tat sie es auch bei mir. Ich war in dieser Zeit, so erschien es mir jedenfalls, nicht besonders beliebt in der Klasse. Ständig wurde ich das Opfer kleiner Gemeinheiten. Ich ließ mich aber auch so schrecklich leicht ärgern. Dieses Mädchen gab mir das Gefühl, dass alle Welt gegen mich ist. Ich war so schrecklich unglücklich in dieser Zeit, fühlte mich so ungeliebt. Was hab ich denn falsch gemacht?, hab ich mich häufig gefragt. Alles was ich wollte, war dazuzugehören. Und wiedereinmal hatte ich das Gefühl unerwünscht zu sein.
Um die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu bekommen, drohte ich im Streit oft damit, mir etwas anzutun. Manchmal hielt meine Mutter es nicht mehr aus und wandte sich ab. Eigentlich wollte ich doch nur in den Arm genommen werden und die Worte „Ich hab dich lieb. Ich verlass dich nicht.“ hören. Aber hätte es wirklich geholfen? Hätte ich es geglaubt? Mein Selbstwertgefühl war mickrig, hatte sozusagen seinen Tiefpunkt erreicht.
Die „Freundin“ bin ich Gott sei Dank losgeworden, doch mein Selbstvertrauen hat Kratzer davongetragen.

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Einmal, es war so Mitte November, hatte ich wieder einmal Streit mit meiner Mutter. Es ging bestimmt wie fast immer um was total banales, aber ich verschwand wütend in meinem Zimmer und weinte. Ich war so enttäuscht von meiner Mama und so wütend, dass ich am liebsten mein Zimmer verwüstet hätte. Aber stattdessen setzte ich mich auf den Boden, nahm mir buntes Papier und bastelte einen Adventskalender für meine Mutter. Es half mir runterzukommen und bald war ich gar nicht mehr so sauer auf meine Mama.

Auch heute noch kommt es manchmal vor, dass ich in einem Anfall von Trauer Selbsthass entwickele. Dann frage ich mich, warum ich so bin wie ich bin und würde mich gern selbst dafür bestrafen. Doch dann dachte ich vor kurzem über das Szenario mit dem Kalender nach und da kam mir eine Idee. Gerade in solchen Momenten in denen ich mich nicht leiden kann, sollte ich mir etwas Gutes tun. So, wie ich einen schönen Kalender für meine Mutter gebastelt habe, als ich sauer auf sie war.
Natürlich wird einem das nicht immer leichtfallen. Es wird wahrscheinlich sogar schwer. Man muss seinen inneren Schweinehund überwinden.

Aber vielleicht ist das der erste Schritt zur Selbstliebe, wenn man es zulässt, sich selbst zu lieben.

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