"Hey, Mann!"

Lukas Galloway stand in voller Größe und Breite vor mir und haute mich mit einem Schulterklopfer fast um. Ich war zwar nicht gerade schmächtig und dazu auch noch ein Stück größer als er, aber gegen seinen Schrank-Körper konnte ich echt nichts ausrichten.

"Hey, Lukas."

Nach einer kurzen Pause, in der ich um Atem rang, wollte ich ihm antworten, allerdings schien es, dass ich etwas zu spät dran war, denn er stand schon wieder mit dem Rücken zu mir und "begrüßte" seine Freundin. Es wunderte mich ehrlich, wie sie es so lange miteinander hatten aushalten können. Sie waren Ende unseres vorletzten Schuljahres zusammen gekommen und jetzt, nach einem Jahr, immer noch zusammen. Nicht dass ich erwartet hatte, dass sie sich nach zwei Monaten wieder trennen würden... Aber ihr wisst schon. Ich hatte im Grunde auch nichts gegen Lukas Galloway, aber abgesehen davon, dass er hieß wie eine Kuhart, war er auch noch Stroh-dumm. Im ernst, der Typ checkte einfach gar nichts. Vor einem halben Jahr ungefähr, hatte er mir doch tatsächlich abgekauft, dass ich undercover unterwegs war und eigentlich für das FBI arbeitete (das es in unserem Land, nebenbei bemerkt, gar nicht gibt). Seitdem er das über mich zu wissen glaubte, zwinkerte er mir in den komischsten Momenten heimlich zu. So auch jetzt, nachdem er und Maya damit fertig waren, sich gegenseitig abzulecken. Ich verdrehte die Augen. Der Typ machte mich einfach fertig.

"Was machst du denn hier? Musst du nicht eigentlich beim Training sein?"

Wir standen inzwischen wieder vor der Eisdiele und ich musste zum zweiten Mal an diesem Tag fast kotzen. Diesmal aber nicht wegen irgendwelchen Schmetterlingen in meinem Bauch, sondern wegen der übertriebenen Fröhlichkeit in Mayas Stimme und ihren überdeutlichen Flirt-Attacken wann immer sie Lukas sah.

"Nein das Training ist seit einer Stunde vorbei, aber ich wollte mit dir reden. Mike meinte, dass ich dich hier finden würde."

Maya sah ihn hoffnungsvoll an. Sie war, zum ersten Mal, denke ich, still und blickte ihm einfach nur in die Augen. Dass sie selbst nach einem Jahr immer noch nicht wusste, wann ihr Freund beim Training war und wann nicht, schien sie nicht im Geringsten zu stören. Ich meinerseits war echt beeindruckt darüber, dass er wusste wie man das Konjunktiv benutzte.
Doch letztendlich sah auch ich Lukas gespannt an. Würde er jetzt wirklich dass machen, was Maya erwartete?

"Ich muss dir etwas sagen, babe", begann er, "Sobald der Sommer vorbei ist, ziehe ich weg von hier. Du weißt ja ich habe ein Sportstipendium bekommen und..."

Mehr brauchte ich gar nicht zu hören. Ich atmete leise aus. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich während Lukas gesprochen hatte, die Luft angehalten hatte. Mein Blick wanderte sofort von Lukas zu Maya. Sie sah geschockt aus, das hatte sie ganz offensichtlich nicht erwartet. Fast tat sie mir schon leid.. Nur war ich viel zu erleichtert, um etwas anders zu fühlen. Obwohl, doch, da war noch die Überraschung darüber, dass Lukas auf einer Universität angenommen wurde... Vielleicht war er ja doch nicht so doof. Irgendwie konnte ich mich mit diesem Gedanken nicht so Recht anfreunden.

Maya ließ ihren vielleicht-bald-nicht mehr-Freund nicht ausreden, sondern fiel ihm, nachdem sie gehört hatte, was sie hören musste, ins Wort.

"Aber ich dachte.. Du kannst doch nicht.. Was wird denn.. Lukas!"

Während sie vergeblich versuchte einen anständigen Satz aus sich herauszubekommen und es schließlich doch aufgab, sah man die Tränen in Mayas Augen aufsteigen. Nein, das hatte sie wirklich nicht erwartet. Und es war ja nicht so als hätte ich auch nur eine Sekunde daran geglaubt, dass Maya, die, wie ich nur nochmal erwähnen kann, eine Meisterin darin war alles zu überinterpretieren, Recht mit ihrer Annahme hatte, bald schon Misses Galloway zu sein, trotzdem konnte ich nicht anders als heimlich in mich hinein zu grinsen. Luke nahm sie derweil in seine Arme und sagte irgendetwas von wegen: "Wir werden einen schönen Sommer zusammen verbringen und dann weitersehen." Das war der Moment für mich, mich zu verdrücken. Ich hatte keine Lust darauf Maya in Tränen ausbrechen zu sehen, oder zu hören was für tolle Versprechungen Luke ihr für diesen Sommer machte, um sie zu beruhigen. Dafür war ich, trotz meiner Erleichterung und, seien wir ehrlich, sogar Freude, nicht in Stimmung. Dafür war niemand jemals in Stimmung.

Ja, ja, ich weiß. Was für ein schlechter Freund bin ich denn, wenn ich mich darüber freue, dass die Hoffnung meiner besten Freundin, einen Heiratsantrag zu bekommen, sich nicht erfüllt hat. Aber seien wir mal ehrlich, Maya ist 19 und mit jemandem zusammen, mit dem sie eher wenig Zukunft hat. Jeder mit nur einem Funken Menschenverstand würde doch so denken wie ich, oder etwa nicht? Vielleicht war es ja auch nur Wunschdenken von mir und Lukas würde es mit einer Fernbeziehung versuchen, oder vielleicht würde Maya ja mit ihm von hier weg ziehen. Von mir wegziehen. Was wusste ich denn schon. Was ich wusste war, dass ich mich, zumindest im Moment, nicht weiter mit diesem Thema beschäftigen wollte. Für den Moment war doch alles gut.

Ich schlenderte durch die Fußgängerzone, in der die Eisdiele sich befand, und versuchte meine Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Doch traurigerweise war das Einzige, an das ich denken konnte, abgesehen von Maya, die unerklärlicher Weise immer in meinem Kopf schwirrte, meine unmittelbare Zukunft. Meine Zukunft, die in drei Monaten, mit Anfang meines Studiums, beginnen würde. Lukas, Maya, ein paar andere Freunde und ich hatten in diesem Jahr unser Abitur bestanden und würden uns zum Wintersemester alle in die weite Welt verteilen. Ich würde in der Stadt bleiben und hier mein Jura-Studium beginnen, um erst einmal bei meiner Mutter bleiben zu können. Maya wollte ebenfalls hier bleiben um Modedesign zu studieren und zwei ihrer Freundinnen würden nach Australien gehen um dort für ein Jahr zu reisen. Ich stellte mir das wunderbar vor: In einem fremden Land zu sein, von allem Bekannten weg zu kommen und einfach mal durchzuatmen. Nur dann müsste ich alles hinter mir lassen... Paradox, oder? Ich wollte alle verlassen, aber ich wollte nichts hinter mir lassen. Ich wollte sie nicht hinter mir lassen. Es war schon verrückt, aber wenn ich mir vorstellte ein Leben zu führen, in dem sie keine Rolle spielte, wurde mir ganz anders. Es hatte lange gedauert bis ich mir hatte eingestehen können, wie sehr ich Maya in meinem Leben wollte, vielleicht sogar brauchte. Insgeheim liebte ich es wie sie mir auf die Nerven ging und dass sie so ein dramatischer Mensch war und dass sie mich überall mit rein zog und von mir erwartete sie überall auch wieder herauszuholen. All diese Dinge liebte ich und ich wollte sie auch nicht mehr missen. Aber seitdem ich Maya richtig kennengelernt hatte, war mir niemals in den Sinn gekommen, dass ich nicht nur diese Dinge liebte, sondern auch sie selbst. Jedoch war da das, was ich gefühlt hatte, als ich Maya vor der Eisdiele gesehen hatte. Es war völlig untypisch für mich so viele starke und überwältigende Emotionen auf einmal zu fühlen, vor allem was die Liebe anging. Ich nahm an, dass es das war, was ich gefühlt hatte, Liebe. Ich war von Natur aus eher der ruhige Typ. Natürlich hatte auch ich schon vorher einmal Schmetterlinge im Bauch gehabt oder war nervös gewesen wegen einem Mädchen, aber dann niemals wegen jemandem den ich schon ewig kannte! Geschweige denn die Hälfte der Zeit wirklich nervtötend fand. Niemals wegen Maya. Warum dann jetzt? Es hatte sich nichts verändert. Ich hatte schon immer viel an sie gedacht. Wenn ich ehrlich war, dann war sie die Person, die meine Welt ausfüllte, traurig aber wahr. Sie hatte immer irgendwie in meinen Gedanken ihren Platz gefunden und dass auch nicht immer im positiven Sinne. Was war also anders?
"Es ist ihr Lächeln.", sagte eine Stimme in meinem Kopf. Ja, ich liebte ihr Lächeln. Die Art wie sich ihre Augen verengten, sich kleine Lachfalten bildeten und die zwei Grübchen an ihrem Kinn hervortraten. Damit bekam sie mich immer wieder. Aber dieses Lächeln hatte ich trotzdem schon viele Male gesehen.. Also warum hatte ich mich so gefühlt als würde ich vor Liebe zu ihr jeden Moment umkippen?

Ohne es wirklich bemerkt zu haben hatten sich meine Gedanken fast augenblicklich zurück auf Maya gelenkt (etwas an dem ich wirklich arbeiten sollte). Ich lief gedankenverloren wie ein Blinder durch die Straßen und doch wiederum nicht, da ich auch blind den Weg gekannt hätte. Doch leider hielt mich das nicht davon ab in fremde Leute hinein zulaufen. Dass die sich auch immer bewegen müssen! Eine wirklich lästige Angewohnheit. Wie auch immer, jedenfalls war das der Moment in dem die nächste Katastrophe in mein Leben trat. Oder ich eher in sein Leben.

Das war der Moment in dem ich (auf) Nicolas traf.