Prolog
Blossom‘s Mutter hatte sie hier eingeliefert. Mal wieder. Warum? Sie hatte keine Ahnung. Was Blossom wusste war, dass ihre Mutter, welche sie für die Reinkarnation des Teufels persönlich hielt, ganz offensichtlich eine Schraube locker hatte und dass sie ihr gewaltig auf die Ketten ging. Mittlerweile gab es wahrscheinlich keine Klapse mehr im gesamten Land, in die ihre Mutter sie noch nicht hatte einsperren lassen wollen. Jemand sollte ihr vielleicht mal sagen, dass es nicht ihre Tochter war, die einen Seelenklempner brauchte.
Sie hatten sie bereits in eine Zwangsjacke gesteckt, ihr einen Bissschutz angelegt und schoben sie, festgeschnallt in einem Rollstuhl, über den Flur von Station 7. Blossom drehte versuchsweise unauffällig die Fußgelenke in den Fesseln und wand sich in der Zwangsjacke. Keine Chance. Sie konnte nicht mal aufstehen. Das war in allen vorherigen Psychiatrien anders gewesen, um nicht zu sagen wenigstens noch human. Hier hatte sie nicht ein bisschen Bewegungsfreiheit. Sie gab es auf und hob stattdessen den Kopf und ließ einen Blick über die Wände wandern. Sie hätte gerne tief geseufzt, leider schnürten ihr allerdings die eigenen Arme die Luft ab. Mein Gott. Jede verdammte Psychiatrie sah für sie gleich aus, roch gleich und fühlte sich gleich an. Dieser gleiche weiß-mintgrüne Anstrich, der sterile Geruch, die Neonröhren an der Decke, die bei jedem Flackern dieses gläsern klingende Geräusch machten und die elendig langen leergefegten Flure, auf denen ab und zu ein strahlend weiß bekittelter Doktor mit Klemmbrett unterm Arm auftauchte. Ein beklemmendes Gefühl. Und gleichzeitig frustrierend, dass sie schon wieder hier gelandet war.
Wenn sich ihre Wege kreuzten, blickten die Therapeuten, Psychiater, Schwestern und Doktoren misstrauisch auf Blossom herab tauschten dann einen ernsten Blick mit der Schwester, die ihren Rollstuhl schob. An ihren Gesichtern erkannte Blossom, dass sie ganz genau wussten wer sie war und dass sie viel von ihr gehört oder gelesen hatten. Ihr schossen die Bilder von Zeitungsartikeln durch den Kopf: „Unerklärliches Verschwinden einer Patientin“ oder „Irre entlaufen – Schon wieder“ oder „Die legendäre Ausbruchsserie geht weiter – Können keine Gitterstäbe dieser Welt sie aufhalten?“. Sie war der Promi unter den Geisteskranken. Der Albtraum jeder psychiatrischen Anstalt. Sie kennen dich Blossom, deshalb sind sie so vorsichtig. Sie hatten befürchtet, dass sie irgendwann auch zu ihnen kommen würde, hatten sie nicht dahaben wollen. Aber jetzt wo sie schon mal hier war, wollten sie unter keinen Umständen die nächste Psychiatrie auf der Liste der Einrichtungen sein, die Elisabeth Blossom Parker entwischen ließen und sie nicht wieder gehen lassen. Leider musste Blossom sich selbst eingestehen, dass ihre Aussichten darauf gar nicht schlecht waren. Sie hatten sehr viel höhere Sicherheitsmaßnahmen ergriffen als die vorherigen Häuser, in denen ihr noch vor der ersten Untersuchung mit links die Flucht gelungen war. Sie hatten gelernt, sie nicht zu unterschätzen. Scheiße. Sie sah sich schon im Hochsicherheitstrakt in einer Zelle mit Gummiwänden sitzen, ausbruchsicher und mit Wachtposten vor der Tür. Sie musste sich entweder auf der Stelle was einfallen lassen, oder während ihrer Gefangenschaft an diesem Ort einen meisterhaften und gut durchdachten Plan schmieden. Die Schwester schob sie um eine Ecke in einen anderen Flur, an dessen Ende eine große Tür sie erwartete, mit der Aufschrift VORUNTERSUCHUNG. Und kleingedruckt darunter Betreten ohne Schutzkleidung auf eigene Gefahr. Blossom hob eine Augenbraue. Alles klar. Das sah nicht nach Blumen Pflücken aus.
Die Schwester brachte kurz vor der Tür den Rollstuhl zum Stehen und trat neben sie, wo sie aus einem Mundschutz- und einem Gummihandschuhspender jeweils mit spitzen Fingern zwei Stück herauszupfte. Sie konnte jetzt zum ersten Mal einen unauffälligen Blick auf sie werfen. Sie war jung. Sie konnte nicht viel älter sein als sie selbst. Blond, sehr hübsch, zierlich, sah fast schon zerbrechlich aus, und irgendwie deplaziert in der viel zu großen, kugel- und stichfesten Stoffrüstung. Das arme Ding. Es war womöglich ihr erster Arbeitstag und gleich wurde ihr ein Fall wie sie zugemutet. Blossom überlegte einen Moment, was das über ihre Kompetenz aussagen musste und kam zu dem Entschluss, dass sie entweder sehr gute Referenzen und Talent für diesen Job mit sich brachte, oder aber den Chef vögelte.
Die Schwester drehte sich zu ihr um und beugte sich vorsichtig zu ihr herunter um ihr den Mundschutz über den Bissschutz zu legen. Blossom fiel auf, dass ihre Hände zitterten. Das junge Ding misstraute ihr offenbar und war nervös. Niedlich. An ihrer Schutzweste steckte ein Schildchen mit ihrem Namen darauf. Blossom ergriff ihre Chance, bevor ihr das Maul gestopft wurde. „Caren“, murmelte sie und sah ihre Gegenüber an. Wegen des Bissschutzes drang das sie sagte nur gedämpft hervor, doch die junge Frau schien verstanden zu haben, dass sie ihren Namen gesagt hatte, denn sie blickte Blossom verwundert an und ließ ihre Hände mit dem Mundschutz innehalten. Blossom hörte Schritte hinter sich, schenkte ihnen aber keine Beachtung. „Ähm. Ja? Stimmt etwas nicht, Miss?“ „Das ist ein schöner Name. Wie alt bist du?“ Es dauerte ein Bisschen bis die Gute verstand, dass die Irre in dem Rollstuhl es ernst zu meinen schien. Caren kicherte hysterisch – oh sie hatte ohne Frage noch viel zu lernen – und räusperte sich. Ihr Blick wanderte kurz rüber zu etwas, was sich offenbar hinter Blossom befand, und dann wieder zu ihr. „Vierundzwanzig, Miss“, antwortete sie dann und lächelte gequält. Oh. Es trennten sie also doch acht Jahre Altersunterschied. Sokann man sich verschätzen. Blossom dachte eine Sekunde nach und schon machte die Schwester Anstalten, sie zum Schweigen zu bringen, in dem sie ihr den Mundschutz umlegte, aber das durfte jetzt noch nicht sein.
Sie musste wenigstens versuchen ihr Vertrauen zu gewinnen. Zumindest soweit, dass sie ihre Festschnallgurte etwas lockerte. „Vierundzwanzig, o-ha.“, sagte sie und versuchte erstaunt auszusehen, um sie neugierig zu machen, oder überhaupt irgendwie menschlich auszusehen aber dieser doofe scheiß unbequeme, scheuernde Bissschutz verdeckte ihr Gesicht vom Kinn bis unter die Augen und sie konnte ihre Gesichtsmuskeln darunter kaum regen. Sprechen fiel ihr unheimlich schwer mit diesem Ding. Dennoch startete sie einen Versuch der Bauchpinselei. Los Caren. Mag mich gefälligst. „Und das hier ist das, was du dein Leben lang machen willst ja? Muss doch furchtbar deprimierend sein mit den ganzen selbstmordgefährdeten schizophrenen Irren. Also mir würde das auf’s Gemüt schlagen. Weil – naja – ein Traumjob ist das hier nicht gerade. Versteh mich nicht falsch, meinen Respekt hast du – Darf ich überhaupt Du sagen? – Also kannst du mir das erklären? Warum ausgerechnet das hier? Mit gerade mal 24 einen so undankbaren Job?“ Caren lächelte und Blossom konnte spüren wie sich ihr Ego aufplusterte. Du hast sie. Noch bevor die Schwester Luft holen konnte, um Blossom zu antworten, fuhr sie hastig fort. Ihr Blick fiel auf die schwere Tür vor ihr. Quassel um dein Leben Blossom, du willst unter keinen Umständen da rein! „Sag mal Caren, wir beide kennen uns doch jetzt. Ich meine, ich meine, immerhin kenne ich deinen Namen und ich bin mir sicher, du kennst meinen. Könntest du mir einen klitzekleinen unbedeutenden Gefallen tun? Denn weißt du, Caren, dieser Bissschutz stört ganz unheimlich beim Sprechen, dabei würde ich mich gerne ein wenig mit dir unterhalten.“ Wie zur Demonstration rieb sie ihren Kiefer an ihrer Schulter, wie ein Hund der seinen Maulkorb loswerden wollte. „Und in dieser Zwangsjacke kann ich kaum atmen und die haben mich in diesem Rollstuhl ganz schön festgezurrt. Du könntest nicht so lieb sein und das Ganze ein winzig kleines Bisschen lockern? Ich verspreche ich werd‘ auch brav sein. Ist ja nicht so, dass ich den Sinn dieser Manöver nicht nachvollziehen könnte.“ Sie sah ihr offen in die Augen. Kein falsches Lächeln (nicht, dass sie ein Lächeln hätte zustande bringen mit dem ganzen Metall das ihre untere Gesichtshälfte lahmlegte). „Komm schon, ich würde mir echt gerne die Nase kratzen.“
Caren‘s Blick wurde nachdenklich, als würde ihr Mitleid sie übermannen und sie mit sich selbst ringen lassen. Ja, ja, komm schon! Er erkaltete dann allerdings auf der Stelle und ihr Blick viel erneut auf etwas hinter Blossom, die daraufhin versuchte, ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. „Hey, Caren, ich bin echt kein ungeduldiger Mensch, aber ich krieg keine Luft, verdammt, also was auch immer da hinter mir Spannendes los ist, hier spielt die…“
Weiter sollte sie nicht kommen. Im selben Augenblick spürte Blossom, wie eine Hand sie im Nacken packte und ihren Kopf unsanft an den Haaren nach hinten zog, sodass sie gezwungen war, nach oben zu schauen. In das Gesicht eines jungen Mannes, der definitiv schon mehr Erfahrung mit den Maschen Geisteskranker gemacht haben musste, auch wenn er kaum älter aussah als Caren. Sie sah ihm an, dass er ihr Spiel durchschaut hatte. War er die ganze Zeit schon da gewesen? Natürlich, Blossom. Hast du wirklich gedacht, sie lassen jemanden wie dich mit einem Frischling wie ihr alleine? Wie konntest du so leichtgläubig sein. Seine veilchenblauen Augen musterten sie scharf. „Netter Versuch. Du bist vielleicht in anderen Anstalten damit durchgekommen Parker, aber hier fallen wir nicht auf dich rein. Kein Lockern der Gurte, kein Abnehmen des Bissschutzes, kein Befreien von Zwangsjacken. Hast du das verstanden?“ Blossom atmete energisch aus und versuchte, ihm ihre Haare zu entreißen. Nicht ohne Schmerzen, jedoch ohne Erfolg. Seine Herangehensweise war ihr jetzt schon verflucht unsympathisch. Das ging alles viel zu schnell. Was sollte das? „Kein Grund handgreiflich zu werden“, knurrte sie durch den Bissschutz. Sie kam sich wirklich vor wie ein tollwütiger Hund. Sie erhaschte einen Blick auf sein Namensschild. Hyde. Er festigte seinen Griff in ihrem Nacken und kam ein Stück weiter zu ihr herunter. Sie zog scharf die Luft durch die Zähne. Seine Wange streifte die ihre und sie spürte seinen Atem im Ohr. „Das hast du nicht zu sagen. Wir wollen doch nicht dass du einem von uns auch von einen Finger abbeißt, hm? Oder womöglich ein Ohr?“, raunte er ihr zu, sodass sie eine Gänsehaut von den Zehen bis zum Haaransatz überbekam. „Und für dich zum Mitschreiben: Machst du mir Ärger, oder versuchst nochmal sowas wie hier gerade eben, wirst du mich richtig kennenlernen. Denn das hier“, er zog noch einmal mit Nachdruck an ihrem dichten, dunkelroten Haar und Blossom stöhnte schmerzvoll auf, „war noch gar nichts. Ist das angekommen?“ Sie sagte nichts.
Er warf Caren einen Blick zu, die wie ein angeschossenes Reh daneben stand und aussah als würde sie sich sehr unwohl fühlen, und nickte, dann endlich ließ er ihre Haare los und sie konnte meinen Nacken entlasten und so gut es ging nach Atem ringen. Hätte er noch etwas heftiger gezogen, hätte er ihr das Genick gebrochen.
Blossom wurde ohne Weiteres von Caren, dem zarten Blümchen, der Mundschutz umgelegt und die Tür vor ihr öffnete sich, nachdem Hyde die Hand auf den elektrischen Türöffner rechts von ihr gelegt hatte, und sie wurde hindurchgeschoben
Okay, Parker. Das lief ja schonmal gar nicht nach Plan.
Das alles wäre sehr viel einfacher gewesen, wenn sie ihr bei ihrer Ankunft die Kontaktlinsen rausgenommen hätten, aber Blossom’s Mutter musste ihnen davon abgeraten haben. Blossom blieb also nichts anderes übrig als zunächst das Beste daraus zu machen und sich noch ein bisschen in Geduld zu üben. Und tatsächlich hatte die ganze Sache etwas Gutes: Solange sie hier drin war, und die da draußen, war sie in Sicherheit.