Ich mache die Augen auf und sehe ihr Lächeln. Ich mache die Augen zu und sehe ihr Lächeln. Ich versuche woanders hinzusehen und dennoch ist alles was ich sehe nur ihr Lächeln.

Es ist komisch verliebt zu sein, weißt du. Man fühlt sich, als wäre man krank und ist es doch nicht. Ich habe, immer wenn ich sie sehe, ganz schwache Beine, einen viel zu schnellen Herzschlag und Angst gleich zu kotzen, weil mein Bauch sich so anfühlt, als würde er genau das tun wollen - aber ich bin glücklich. Ich freue mich darüber, so zu fühlen. Ist das nicht komisch? Es hat ganz plötzlich angefangen.

An jenem Mittwoch hatte es geregnet und Maya hatte vor der Eisdiele auf mich gewartet, so wie an jedem 15. des Monats. Sie stand vor der Eisdiele im strömendem Regen. So weit, so normal. Sie hatte mir heftig zugewunken, wahrscheinlich aus Angst ich könnte sie nicht erkennen durch die Menschenmenge die uns trennte, aber ich sah sie. Sie und ihr Lächeln. Genau da ist es passiert. Ich, auf der einen Seite der Straße, sie, auf der anderen und zwischen uns viele Menschen und noch mehr Regen. Ein ganz normaler 15. und der Komischste den ich bisher erlebt habe. Ich meine, keine Ahnung was auf einmal mit mir los war! Ich sah sie und ich liebte sie und obwohl ich sie schon so oft angeschaut hatte, sah ich sie, und es war als würde der Regen bewirken, dass ich alles noch klarer erkennen konnte, denn ich sah sie. Und mit einem Mal war ich so verdammt glücklich.

Leider fängt hier schon der schlechte Teil meiner Geschichte an. Ich ging nämlich zu ihr herüber, so verwirrt und glücklich und sie kam ebenfalls auf mich zu und umarmte mich sogar noch stürmischer als sonst. Ich sah die Tränen in ihren leicht geröteten Augen, trotz des Regens, und dachte für einen klitzekleinen Moment, dass sie das gleiche Gefühl in sich trug wie ich. Und dann sagte sie mir, dass sie glaubte ihr Freund würde ihr bald einen Antrag machen. Ab dann ging es zwar nicht nur bergab, mir aber fast durchgehend beschissen.

"Okay, wenn ich das richtig verstanden habe, hat Tif dir erzählt, dass Luke zu Mike meinte, es wäre soweit."

Ich sah Maya zweifelnd an. So wie jedes Mal wenn ich sie nicht verstand.

"Nein, nein, du hörst mir gar nicht richtig zu!"

Jetzt sah sie mich zweifelnd an. Oder doch aufgebracht? Ich wusste es nicht.

"Tiffany hat nicht mir erzählt, was Luke zu Mike meinte, sie hat es Isabella erzählt. Sie wollte nicht, dass ich vielleicht falsche Schlüsse daraus ziehe. Isabella hat es mir dann erzählt."

Seufzend verdrehte ich meine Augen. Warum hörte sich alles aus ihrem Mund so an wie aus einem schlechten Teenie-Film? Manchmal fragte ich mich wirklich, warum wir eigentlich befreundet waren. Wir waren so.. Verschieden. Doch ich wusste natürlich warum.
Damals, als wir uns angefreundet hatten, waren wir beide in der 8. Klasse gewesen und hatten den selben Kunstkurs belegt. Ich war schrecklich in sie verknallt gewesen, allerdings nur aufgrund ihres Aussehens und ihrer Beliebtheit. Natürlich hatte sie mich, normal Sterblichen, nicht beachtet. Es war eigentlich auch gar nicht schön gewesen, wie wir uns letztendlich kennengelernt hatten. Ihr damaliger Freund hatte mit ihr Schluss gemacht. Nachdem alle sie in der Schule dann auch noch mitleidig angestarrt hatten, kam sie zu mir. Einfach so. Diesen Teil unserer Freundschaft verstehe ich bis heute nicht, denn ich hatte sie natürlich auch angestarrt. Trotzdem hatte sie nach der Schule einfach vor meiner Tür gestanden und war mir weinend in die Arme gefallen. Dazu muss man sagen, dass ich ihr direkt gegenüber wohnte, aber wer hätte gedacht, dass sie das wusste?Seit dem Tag waren wir jedenfalls Freunde. Okay, nicht genau seit dem Tag, ich war nach diesem Vorfall schließlich immer noch ein normaler Sterblicher gewesen. Nach dem Tag und ein paar weiteren Wochen (und meinem Stimmbruch, der mich plötzlich cool machte und für sie doch noch akzeptabel), hatte sich sich dann mit mir in der Öffentlichkeit sehen lassen können. Ich weiß, ich weiß, eigentlich war es ziemlich dämlich von mir gewesen mich mit ihr anzufreunden, obwohl sie schon damals eine.. Naja, schwierige Person gewesen war. Aber die Liebe macht doch leichtgläubig, oder?

"Mio?"

Es war Mayas Stimme, und ihr heftiges Rütteln an meinem Arm, die mich aus meinen Gedanken riss.

"Weißt du eigentlich, dass ich dich manchmal hasse? Ich rede gerade mit dir über wichtige Dinge! Tu wenigstens so als würdest du mir zuhören."

In diesem Moment sah sie mich auf jeden Fall aufgebracht an. Und auch ein bisschen wütend. Diesmal war ihre Wut jedoch angebracht, ich hatte ihr wirklich überhaupt nicht zugehört.

"Tut mir Leid, Maya. Ich war in Gedanken"

Entschuldigend schenkte ich ihr mein schuldbewusstes Lächeln. Ihre Miene änderte sich allerdings überhaupt nicht.

"Du bist immer in Gedanken! Mir wird vielleicht bald einen Heiratsantrag gemacht! Du bist doch sonst immer so sentimental, also freue dich für mich!"

Ach ja, darum ging es. Ihre Worte gaben mir komischer Weise sofort super miese Laune. Ich dachte an den Moment von vor 15 Minuten, als ich das Gefühl gehabt hatte, dieses Mädchen, dass ich seltsamerweise meine beste Freundin nannte, könnte vielleicht den Teil meines Herzens ausfüllen, den ich selber nicht erreichen konnte. Für einen Moment hatte ich gedacht, meine Augen wären geöffnet worden und sie wäre die einzig wahre Liebe meines Lebens.

Jetzt wusste ich auf jeden Fall, wie verzweifelt ich anscheinend war. Ich betrachtete sie, die kurzzeitige Liebe meines Lebens, und wie sie mich immer wütender anstarrte, und musste fast lachen über die Absurdität dieses Gedankens. Sie war anscheinend bald verlobt, und ich war manchmal echt froh sie nicht die ganze Zeit bei mir haben zu müssen. Ja, das klang fies, aber so war es halt.

"Ich freue mich sehr für dich, Maya. Wenn Lukas dir wirklich ein Antrag machen will, ist das super!"

Ich lächelte sie an. Ob sie bemerkt hatte wie sehr ich daran zweifelte? Sie war nämlich eine Meisterin darin alles falsch zu verstehen, was man falsch verstehen konnte. Selbst Dinge die man nicht falsch verstehen konnte verstand sie falsch.

"Ich bin so aufgeregt! Das schlimmste ist, nicht zu wissen wann es wohl soweit ist. Aber er meinte es wäre so weit, also kann es doch gar nicht mehr so lange dauern, oder? Was meine Mutter wohl dazu sagt? Ich meine ich bin gerade 19 geworden und gehe in ein paar Monaten erst auf der Uni! Vielleicht sollten wir doch noch warten. Aber eine Frage schadet doch nichts, nicht wahr?..."

An dieser Stelle klinkte ich mich aus ihren Wortschwall aus. Das könnte noch ewig so weiter gehen und mich brauchte sie zum Reden eher weniger. Aber da war es wieder, dieses Lächeln. Es war total idiotisch, aber wenn sie lächelte, vergaß ich fast immer, dass sie mich tierisch aufregen konnte. Es machte mich einfach glücklich sie lächeln zu sehen.
Mit Stolz konnte ich behaupten dass sie, wenn sie bei mir war, fast immer lächelte. Vielleicht lag es daran, dass ich sie immer ausreden ließ, oder dass sie mich mit allem zu-texten konnte, ich klinkte mich ehrlich gesagt nahezu immer aus ihrem ewigen Gerede aus, aber irgendetwas verleitete sie jedes Mal dazu, in meiner Gegenwart zu lächeln. Das war eines der wenigen Dinge die auch mich zum Lächeln brachten.
Wir saßen also da, an unserem gewohnten Platz, in unserer Stamm-Eisdiele mit unseren gewohnten Milchshakes und in mir wuchsen verwirrende und ganz und gar ungewohnte Gefühle heran.